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Liebe Andrea,
Du warst überrascht, als ich zu Dir sagte, ich würde gerne Deine Trauerrede halten. Du hast kurz nachgedacht und gesagt: Mach das, wenn Du Dir das zutraust. Gib mir Kraft zu sprechen, hier vor Deiner lieben Familie und Deinen lieben Freunden. Schau, wer alles gekommen ist, um Deiner zu gedenken und Deine Asche zu begraben. Und viele weitere, die nicht kommen konnten sind jetzt in Gedanken bei uns. So viel Freundschaft, Liebe und Kraft.

Andrea, die Tapfere, das ist die Bedeutung Deines Namens. Tapferkeit ist die Fähigkeit, in einer schwierigen, mit Nachteilen verbundenen Situation trotz Rückschlägen durchzuhalten (Wikipedia). Ich weiß nicht, ob die Bedeutung Deinem ganzen Leben gerecht wird. Im Alter wurdest Du immer weicher und gelassener. Es ging nicht mehr um Durchhalten. Es ging um Zulassen und Loslassen. Aber es gab Zeiten, da hast Du Deinen Namen Ehre gemacht…

Du hast mich alleine großgezogen, mich einen quirligen, kreativen und diskussionsfreudigen Mister 1000Watt wie Omi mich oft nannte. Morgens um 4 oder 5 Uhr schlüpfte ich zu Dir ins Bett und stellte Dir Fragen über Gott und die Welt. Dabei brauchtest Du eigentlich Deinen Schlaf. Du warst nicht nur alleinerziehende Mama, sondern auch eine engagierte und Vollzeit beschäftigte Lehrerin, zudem Gewerkschafterin, Genossin und Friedens-aktivistin. Aber das war mir egal. Ich wollte nur kuscheln und quatschen.
Du ließt mich gewähren.

Es war so schon nicht leicht und Du hast es Dir nicht leichter gemacht, dafür gab es zu viel, wofür Du Dich engagieren konntest – und wolltest.
Du brauchtest den Ausgleich zwischen Muttersein, Beruf und Aktivistin. Ich musste früh lernen, Dich zu teilen. Das war für mich oft nicht leicht. Es gab Momente, da habe ich Dich getröstet, als Du weinend vor Erschöpfung am Schreibtisch saßt.
Ich war noch ein kleiner Junge, mit Zweitnamen Andreas, der Tapfere.

Doch Dein Beruf und Dein Engagement gaben Dir auch Kraft. Du warst immer voller Lebensfreude und Energie. Das war ansteckend. Wir haben viel gelacht, getobt, unternommen und diskutiert, viel diskutiert. Und wir konnten über alles miteinander sprechen, konnten uns annehmen, wie wir waren und haben viel voneinander gelernt, bis jetzt.
Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Dein Freundeskreis war groß und sehr unterschiedlich. Er kannte keine Grenzen, menschlich wie territorial. Bildung und Überzeugung spielten für Dich keine Rolle. Entscheidend war die gemeinsam erlebte Zeit. Du hattest Freunde in den USA, in Israel, in der DDR, in Frankreich und in Spanien. Liebevoll hieltet ihr Kontakt, über viele viele Jahre. Mit Manchen sogar seit der Schulzeit.

Seit 2007 wusstest Du von Deinem Krebs. Zuerst hast Du gekämpft mit den Waffen der konventionellen Medizin: Operation, Chemo, Bestrahlung usw.
Das ist fast 13 Jahre her. Dein Enkel Amon war erst 6, Du warst kurz vor der Pensionierung. Zu früh um zu sterben.

Dein Körper hat schwere Verluste hinnehmen müssen. Du hast weder geklagt noch Deine gute Laune verloren. Wie Phönix aus der Asche hast Du Dich dem Leben wieder zugewandt.

Du hast die Schönheit der Natur bewundert. Sie hat Dir immer viel Kraft gegeben. Du hast gerne die Tiere beobachtet, aber auch uns Menschen.
Seit Deiner Kindheit warst Du fasziniert von unseren Kulturen und Geschichten. Du warst eine leidenschaftliche Tänzerin, Schwimmerin, Wanderin, Radfahrerin, Leserin, Rotweitrinkerin, Freundin, Spielgefährtin Deiner Enkelkinder, Diskutiererin und Aktivistin für Frieden und Gerechtigkeit.

Deine Aufmerksamkeit und Anteilnahme für Deine Familie und Freunde, für Deine Umwelt und für das, was sich in der Welt ereignete, war bis zuletzt groß. Bis zu Deinem Tod hast Du Dich für Deine Überzeugungen engagiert, Position bezogen und entsprechend gehandelt. Du warst eine Demonstrantin, eine Energiesparerin, eine Weltladenverkäuferin, eine Spenderin und hast Asylsuchenden geholfen. Du kanntest den Krieg und seine Auswirkungen noch. Du wurdest im Krieg geboren. Der Krieg war für Dich das schlimmste. Du lebtest ein Leben für den Frieden.

Eine Freundin hat versucht anhand Deines Namens zu beschreiben, was Du für sie warst:
A - aktiv
N - Neuem gegenüber aufgeschlossen
D - dankbar
R - respektvoll
E - energiegeladen und erfrischend engagiert
A - aufrichtig

H - hilfsbereit und hoffnungsvoll
A - ausgleichend
G - gerecht, gut gelaunt und großherzig
O - offen
L - lustig, lernfreudig und liebevoll
A - authentisch
N - Naturliebhaberin
I - interessiert

Deine Freunde schreiben über Dich:
"Menschen wie Du sind rar und kostbar und nicht zu ersetzen."

"Ich werde Dich sehr vermissen. Du warst der Ruhende Pol in unserer Weltladengruppe. Deine Gabe auszugleichen, zu vermitteln, neue Ideen einzubringen, Dein freundliches Wesen hat uns allen immer gut getan."

"Von Anfang an, seit 1976, hat mir Deine Denkweise für den Frieden, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die Du in jeder Hinsicht verfolgtest, gefallen. So hast Du bei mir auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht Spuren hinterlassen, auch wenn wir im Weg dahin nicht immer einer Meinung waren. Aber das spielte eigentlich nie eine wesentliche Rolle.“

"Wenn wir an Dich denken, Andrea, hören wir auch Dein Lachen, dass so viel Freude zeigen konnte, zuweilen aber auch eine gehörige Portion Schalk."

"Du konntest Deine Freude, mitzumachen, immer zeigen - sei es durch Zuspruch und Ermutigung, oder durch Dein Gefallen an schöner Musik und dem Wunsch einen Tanz zu wiederholen.
Oder einfach auch durch Deinem strahlenden Blick in den Kreis Deiner Mittanzenden."

Vielleicht möchte an dieser Stelle jemand von Euch ein paar kurze Worte an Andrea richten oder eine Erinnerung mit uns teilen….
Ich möchte Euch von folgendem Erlebnis mit meiner Mama erzählen:

Ich war 5 Jahre alt. Nach der Trennung meiner Eltern 1973 zog ich mit ihr nach Bargfeld Stegen. In dieser Zeit wurden viele Ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland geholt. Neben unserem Wohnhaus stand ein altes heruntergekommenes Haus, in dem einige Gastarbeiter lebten. Sie sahen anders aus, sprachen eine andere Sprache und verhielten sich anders.
Eine Nachbarstochter, die etwa 2 Jahre älter war als ich, erzählte mir, dass diese Ausländer Kinder fressen. Ich bekam große Angst vor ihnen.
Andrea bemerkte das. Sie fragte mich, warum hast Du solche Angst.
Ich erzählte ihr, was das Mädchen zu mir gesagt hatte. Da nahm sie mich auf den Arm, ging mit mir zu dem Haus der Gastarbeiter und klingelte. Die Tür wurde geöffnet und ein bärtiger Türke stand verwundert vor uns. Meine Mama sagte: „Hallo, ich bin Eure Nachbarin Andrea und das ist mein Sohn, Sven. Wir wollen Euch kennen lernen.“ Er freute sich, bat uns rein und zeigte uns, wie sie lebten.

Andrea, Du hast mir beigebracht, meine Ängste und Vorurteile zu überwinden. Man muss nur den Mut aufbringen, auf sie zuzugehen.

Genau das hast Du auch mit Deiner Krankheit gemacht. Du hattest keine Angst vor dem Tod und hast den Krebs nicht gehaßt. Für Dich gehörte das alles zum Leben.

Als der Krebs wieder kam, hast Du Dich entschieden, nicht mehr zu kämpfen und womöglich unter den Medikamenten mehr zu leiden als unter dem Krebs.

Du hast Dich noch einmal dem Leben zugewandt und mit zärtlicher Gelassenheit von ihm verabschiedet, von Deinen Reisen, von Deinen Ärzten, von Deinem Garten, von den Vögeln, von Deinen Freunden, von Deiner Hausgemeinschaft, von Deiner Schwester Roswita, von Deiner Enkelin Lou, von Deinem Enkel Amon, von mir. Wir waren so froh, dass Du noch meinen 50. Geburtstag erleben konntest.

Bis zuletzt hast Du mit uns gelacht, geweint und Zeit in Stille verbracht. Bis zuletzt hast Du das Leben bejaht ohne den Tod zu fürchten.
Ich glaube ich spreche für alle hier, wenn ich sage: Wir bewundern Dein